Wie wild das Leben auch sein mag

Präsent sein turbulenten Zeiten 
(8. April 2020)

Verrückte Zeiten sind das. Wenn ich auf meinen Balkon sitze, mir die Sonne auf das Gesicht scheinen lasse, die Blüten in den Balkonkästen betrachte und die ersten Hummeln ihre flauschigen Pos in die Blüten stecken, fühlen sich die Momente wie Normalität an. Als würde es das ganze Chaos in der Welt gar nicht geben. Ich glaube, gerade das sind die Momente, die es sich jetzt lohnt auszudehnen


Gibt es dieses "Hier & Jetzt" wirklich?

So viel wird in der Yogaszene vom Hier und Jetzt berichtet. Doch ich glaube, nur wenige Menschen haben eine Vorstellung davon, was das ganz genau bedeutet. Wie denn auch, leben wir doch normalerweise in einer Zeit, wo wir von Aufgabe zu Aufgabe hetzen, versuchen, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, andere vermeintliche Ansprüche zu erfüllen und möglichst, alles gut unter einen Hut zu bekommen. Im Moment sein, nicht planen, einfach nur verweilen? Vielleicht im Urlaub, wenn sämtliche To Dos ganz weit weg sind, wir die Wäsche- und Staubberge zu Hause gelassen haben und in einer anderen Umgebung mal ein oder zwei Wochen endlich die Aufgaben Aufgaben sein lassen können. Ja, dann wird es möglich, sich treiben zu lassen, zu entspannen und einzelne Momente zu genießen. 


Die kleinen Freuden des Alltags

Doch nun haben wir diese Möglichkeit nicht. Im selbst lebe im schönen Hamburg. Was an Wochenende sonst komplett normal war, einfach mal raus an die Ost- oder Nordsee, nach Schleswig-Holstein, nicht mal das ist momentan möglich. Die Grenzen sind dicht, selbst in das benachbarte Bundesland. Was heißt im Moment sein eigentlich unter diesen Voraussetzungen?

Für mich bedeutet es, noch mehr als sonst die kleinen Freuden des Alltags wahrzunehmen und zu genießen. Noch vor einigen Jahren war das undenkbar für mich. Ständig war ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit und dachte über Situationen nach, die längst nicht mehr verändert werden konnten. Oder machte mir Sorgen darüber, was andere Menschen über mich denken, oder über die Zukunft, führte in Gedanken Gespräche, die ich nie in die Tat umsetze und war überall anders, nur nicht im aktuellen Moment.

Dank Yoga und Meditation und vieler verschiedener anderer Techniken, die ich über die letzten Jahre lernen durfte, gelang es mir immer besser, wirklich die kleinen Dinge in meinem Leben wahrzunehmen. Einfach glücklich zu sein, ohne Grund, morgens mit guter Laune aufzuwachen, mich über die Hummeln zu freuen, die Blüten, die an den Bäumen im Frühling sichtbar werden, Essen wirklich zu genießen und nicht nur nebenbei in mich reinzuschaufeln, kleine Zeichen auf dem Weg zu entdecken.

Immer präsent zu sein, ist eine Ilusion

Gelingt mir das immer und jeden Tag? Natürlich nicht! Es gibt immer Tage, an denen ich grummelig aufstehe und einfach nur müde bin, mir Gedanken mache über die Zukunft oder mich über irgendetwas ärgere, was in der Vergangenheit liegt und nicht mehr zu ändern ist. Und das ist total ok. Denn genau das macht unser menschliches Leben ein Stück weit aus. Alles andere ist in meinen Augen nur eine Illusion.


Klein anfangen und sich selbst genug sein lassen

Denn ich glaube, was uns vor allem im Weg steht, wenn es darum geht, einzelne Momente wahrzunehmen und zu genießen, ist genau dieser hohe Anspruch an uns selbst. Der Anspruch, immer im derzeitigen Moment zu sein, immer achtsam zu sein, immer bewusst alle Entscheidungen zu treffen, immer im Jetzt zu leben. Das beste aus der derzeitigen Situation zu machen. Unsere Zeit sinnvoll zu nutzen, wie es überall empfohlen wird. Doch warum nicht einfach klein anfangen?

Ich finde, diese Zeit jetzt, mit allem Chaos, mit den Grenzen, die uns momentan auferlegt werden, eignet sich so gut wie keine andere dafür, die kleinen Freuden des Alltags wieder mehr zu feiern. Eine Umarmung, ein leckeres Eis, das Buch, welches sehnsüchtig erwartet wurde und endlich im Briefkasten liegt, der Umzugskarton, der endlich ausgepackt ist, das leckere Essen, dass du dir selbst gekocht hat, das Paket von deiner Familie, ein Anruf einer lieben Freundin. Noch immer, mit allen Beschränkungen, umgibt uns so viel Fülle und Schönheit, ist so viel Licht.

Was brauchst du selbst gerade?

Und dennoch ist es total ok, wenn du das nicht jeden Tag sehen kannst. Denn für mich bedeutet in Moment sein in dieser verrückten Zeit, vor allem, gerade jetzt zu schauen, was du selbst brauchst, was dir gut tut, wie du dir ein bisschen Licht einladen kannst. Und wenn das heißt, den ganzen Tag im Bett zu liegen und an die Decke zu starren, nicht produktiv zu sein, sondern einfach „nur“ zu sein, dann tu genau das.


Und vielleicht hast du ja Lust, genau das mal auszuprobieren. Dir nur 1 Minuten jeden Tag zu nehmen und dich zu fragen, was dir an diesem Tag gut tun würde. Und dann mach genau das. Und feiere dich dafür, wie gut du das Leben meistert.